|
Von Austen bis Zusak |
|
|
LESSING, DORIS: EIN KIND DER LIEBE
Mir ging es mit Lessing ein wenig wie mit Capote: Erst einmal wirkten ihre Geschichten auf mich ein wenig unscheinbar. Dann wirkten sie aber nach. Lessing beschreibt Menschen in ihren spezifischen sozialen Wirklichkeiten mit ihren Eigenarten, Ängsten, Vorurteilen, Lieben. Das menschliche Leben wirkt plötzlich nackt. So sehr ihre Protagonisten sich auch um Status bemühen. In gewisser Weise handelt es sich um erzählte Milieustudien (Erschienen erstmals 2003).
LEVOY, MYRON: DER GELBE VOGEL
Ein Jugendbuch. Ich habe es als Jugendliche gelesen, kürzlich wiederendeckt und noch einmal gelesen. Eine sehr traurige, sehr echte Geschichte über das Thema psychische Traumatisierung. Ein Junge versucht erst widerwillig, dann gerne einem nach schlimmer Erfahrung verstummten und sonderlichen Mädchen zurück in den Alltag zu helfen. Ob ihm das gelingt, soll hier nicht verraten werden (erstmals erschienen 1977).
MACHFUS, NAGIB: DIE SPUR
Ein Buch, das als zarter, duftender Windhauch beginnt und zum Hurrican wird ... spannend! Der in diesem Jahr verstorbene ägyptische Autor schreibt sinnlich, temperamentvoll, intelligent und nie schwierig. und er beschreibt etwas, das ich kenne und ach so gerne verdränge: dass Gut und Böse näher beieinander liegen können als Berlin und Potsdam. Dazu kennt Machfus, zumindest sein Protagonist, die Frauen; das hat mir Spaß gemacht an diesem Buch. Machfus hat 1988 den Literaturnobelpreis bekommen. Da ich erst durch seinen Tod von ihm erfahren habe, war dieser immerhin irgendetwas wert. (erstmals erschienen 1964).
MANKELL, HENNING : DER CHRONIST DER WINDE
In dieses Buch habe ich mich fast verliebt. Es erzählt die Geschichte eines afrikanischen Straßenkindes. Ich fand es spannend und unterhaltsam, und auch, wenn soziale Probleme offensichtlich thematisiert sind, macht das Buch einen nie auf eine unangenehme Art betroffen: dazu ist das Leben des Straßenkindes Nelio und seiner Freunde zu bunt und der Erzähler, ein armer, angestellter Bäcker, viel zu liebenswert (erstmals erschienen 1995).
MARAI, SANDOR: DIE GLUT
Ein gutes, auch tiefsinniges Buch über (Männer-)Freundschaft, Stolz und Liebe. Es geht um große Gefühle und wird dabei nie kitschig. War für mich wirklich eine schöne Entdeckung, die nachgewirkt hat (erstmals erschienen 1942).
MARAI, SANDOR: DIE VIER JAHRESZEITEN.
Miniaturen. Ein Buch, nach dem zu Greifen immer wieder Spaß macht, da es ungewöhnliche und poetische Blicke auf das Leben wirft (Erschienen erstmals 1938).
MAYER, LISA: ZWEIGESICHTIGER ENGEL
Lyrik-Entdeckung. Habe mich gewundert, dass mir der Name Lisa Mayers nicht schon früher begegnet ist, denn diese österreichische Autorin gehört für mich zu den besten zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrikerinnen. Geboren 1954 hat sie erst vor zehn Jahren ihren ersten Lyrikband veröffentlicht. Ihre zarten, nie kitschigen Texte berühren, erzählen fast märchenhaft von Nähe, von den Versuchen, sich und anderen nah zu sein, in der Welt zu sein.
(Erschienen 2006 zweisprachig in Polen. In Deutschland sind zumindest die beiden darin zusammengefassten Einzelpublikationen „Auf den Dächern wird wieder getrommelt" (1999) und „Du allein beschenkst die Diebe"(2005) erhältlich.
MÖLLER, STEFFEN: VIVA POLONIA
Da ich gerade drei Monate in Polen war, habe ich mir diesen erst kürzlich erschienenen Band gekauft, der anekdotenhaft von den Erfahrungen eines Deutschen in Polen erzählt. Das Buch ist teils unterhaltsam, aber leider nicht besonders gut gearbeitet und ein bisserl zu einfach gestrickt für meinen Geschmack (Erschienen 2008).
MURAKAMI, HARUKI: WIE ICH EINES SCHÖNEN MORGENS IM APRIL DAS 100%IGE MÄDCHEN SAH
Endlich Murakami lesen, habe ich gedacht, nachdem der Autor seit Jahren in aller Munde ist und Freunde von mir regelrechte Murakami-Fans sind. Und warum zum Einstieg nicht anfangen mit Erzählungen? - Nun ja, erst mal war ich nicht sonderlich begeistert. Bin es immer noch nicht. Stilistisch wiederholt Murakami so viel, dass es mich ziemlich schnell gelangweilt hat und ich das Buch immer wieder ein paar Wochen weglegte. Ich wollte aber nicht so schnell aufgeben, sondern den Zauber finden, den andere scheinbar bei Murakami finden. Und gut: einmal hat mich ein poetisches Bild begeistert: da steigt aus den Ohren eines grünen Monsters plötzlich graues Gas, das nach Rosen duftet. Also das fand ich gut. Auch mochte ich die geheimnisvollen Stimmungen, die manchmal entstehen, wenn Murakami von Menschen schreibt, die nicht recht wissen, was das Leben gerade mit ihnen macht und dann auf sonderbare Gedanken kommen ... etwas abseitig werden, aber nie so sehr, dass ich mich nicht doch finden konnte in ihnen. Irgendwann versuch ich's sicher mal mit einem Roman Murakamis, aber für die nächste Zeit reicht es mir erst mal (erstmals erschienen 1993).
ORWELL, GEORGE: FARM DER TIERE
Ein Märchen. So bunt wie bitter. Orwell baut eine Tierwelt, die parabelhaft vom Aufbau und der Wirkungsmacht eines totalitären Systems erzählt. So beeindruckend, dass ich gleich noch ein zweites Buch von Orwell gelesen habe, das mir bisher schändlicherweise entgangen war. (Erschienen erstmals 1945)
ORWELL, GEORGE: 1984
Dieses Buch schien mir nicht besonders gut gearbeitet, und da es fast 300 Seiten hat, hat mich das ein paar Mal gestört. Mir schien es, als habe Orwell es aus drei Fragmenten zusammengesetzt und letztlich verpasst, sie stimmig miteinander zu verbinden. Trotzdem ist das Buch großartig. In seiner Schrecklichkeit und Menschlichkeit. Es wird wie in der „Farm der Tiere" ein totalitäres System vorgestellt. Ein Mann und eine Frau wollen sich diesem nach und nach entmenschlichenden System nicht beugen und werden zur Strafe brutal entmenschlicht. Dieses Buch wird in seiner Beschreibung von Folter und Erniedrigung ab einem bestimmten Punkt sehr grausam. Neben Huxleys Buch „Schöne, neue Welt" gilt es als die bedeutendste Anti-Utopie des letzten Jahrhunderts. Ich persönlich wurde an einigen Stellen an die Politik der USA unter George W. Bush erinnert (Erschienen erstmals 1949).
PAUSTOWSKI, KONSTANTIN: STEPPENGEWITTER
Einer, der aus Wörtern Landschaften malt. Man möchte mit dem 1968 gestorbenen russischen Schriftsteller durch die Steppen wandern, an die Seen gehen und all die sonderbaren Fische fangen, die er in seinen ruhigen, weiten und dennoch abenteuerlichen Erzählungen beschreibt. Der Band "Steppengewitter" ist heute nur noch in Antiquariaten zu bekommen. Er sammelt Erzählungen aus verschiedenen Erzählbänden Paustowskis.
PESSOA, FERNANDO: DAS BUCH DER UNRUHE
Immer wieder lese ich in diesem Buch des 1935 gestorbenen portugiesischen Autoren. In den zahllosen fiktiven Tagebucheinträgen geht es um das Leben, das Menschsein, Existenz an sich. Um die Überraschung, dass ein Leben lebbar ist, das gar nicht verständlich ist. Um Traurigkeit, Verlassenheit, Melancholie ... Pessoa schreibt poetisch; trotzdem ist es immer einfach, das, was er schreibt, auf den eigenen Alltag, das eigene Denken und Fühlen zu beziehen. "das sind zufällige nutzlose spekulationen. es tut mir leid, sie angestellt zu haben. (...) aber im grunde wird ohnehin nichts durch irgend etwas verändert, und was wir sagen oder tun, streift nur die gipfel der berge, in deren tälern die dinge schlafe" (erschienen erstmals 1982).
RENNER, TIM: KINDER, DER TOD IST GAR NICHT SO SCHLIMM!
Der Untertitel dieses Buches lautet: "Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie". Hätte besser heißen sollen: „Über die Geschichte der Musik- und Medienindustrie, denn um diese geht es hauptsächlich. Erst zum Ende hin stellt der Autor, ehemaliger Deutschlandchef von Universal Music, Visionen und Pläne vor, wie der Musikbiz "wiederauferstehen" könnte. Dieses Buch ist trotz zahlreicher Zahlen, die ich alle wieder vergessen habe, unterhaltsam geschrieben. Wer sich für das Thema interessiert, kann es durchaus lesen (erstmals erschienen 2004).
ROUSSEAU, JEAN-JACQUES: TRÄUMEREIEN EINES EINSAMEN SPAZIERGÄNGERS
Dass der französische Schriftsteller und Philosoph Rousseau seine "Träumereien" vor 250 Jahren geschrieben hat, merkt man dem Buch sprachlich kaum an. Es lässt sich fast süffig weglesen. Zugleich ist es ein philosophischer Band: Rousseau denkt einerseits nach über sein Verhältnis zur Gesellschaft - da er immer nur zu dem Ergebnis kommt, dass diese ihn zurückweist, obwohl er doch der beste Mensch der Welt ist, ist das allerdings irgendwann nicht mehr ganz so spannend. Andererseits, und das macht den Hauptteil des Buches aus, beschreibt Rousseau seine Spaziergänge durch die Natur. Seine Beobachtungen selbiger sind feinsinnig, romantisch und farbig. Er beschreibt Landschaften so sinnlich, dass mir war, als sei ich dort. Schön.
SCHMITT, ERIC-EMMANUEL: MONSIEUR IBRAHIM UND DIE BLUMEN DES KORAN
Ein kleines, märchenhaftes Buch über die Freundschaft und Liebe zwischen einem jüdischen Jugen und einem moslemischen Mann. Dieses Buch vermochte in mir eine gewisse Glückseeligkeit zu produzieren ... so eine kleine, leichte, die sich im Andenken an die Geschichte wieder ein bisschen einstellt.
SOBOCZYNSKI, ADAM: POLSKI TANGO
Ein Buch über Deutschland und Polen, das kein Bestseller wurde, obwohl es meiner Meinung nach so viel besser ist als das oben vorgestellte „Viva Polonia". Soboczynski, der als Kind Polen mit seiner Familie verließ, bereist seine Heimat und erzählt davon, wie es ist, zurückzukehren, was ihn wundert, was ihn berührt. Das ist Literatur. (Erschienen erstmals 2006.)
SZYMBORSKA, WISLAWA: SALZ
Lyrik der polnischen Nobelpreisträgerin. Szymborska schreibt einfach und klar, das ist nicht hochpoetisch, aber macht Spaß. Besonders ihr Gedicht „Glückliche Liebe" gefällt mir, das folgendermaßen beginnt: „Glückliche Liebe/ Ist das normal / und ernst zu nehmen und nützlich / was hat die Welt von zwei Menschen, / die diese Welt nicht sehen? / Zu sich erhoben ohne jedes Verdienst, / die ersten besten von einer Million, allerdings überzeugt, / es habe so kommen müssen (...)" (Erschienen erstmals 1996).
THADEUSZ, JÖRG: ALLES SCHÖN
Dachte mal, es gibt Literatur und Unterhaltungsliteratur, und beides habe nichts miteinander zu tun. Jörg Thadeusz hat mich eines besseren belehrt. ALLES SCHÖN ist erstklassige Unterhaltungsliteratur mit Mehrwert. Die Sprache ist einfach, das Buch lässt sich in einem Zug durchlesen, und doch ... wirft es unzählige Fragen auf ... nach Möglichkeit und Unmöglichkeit eines gelingenden Lebens, gelingender Liebe, nach dem Wert von Macht, der Macht von Angst ... wirklich, ein gutes Buch. Ebenfalls sehr lesenswert: Thadeusz' Buch: „Rette mich ein bisschen“.
TREICHEL, HANS ULRICH: DER VERLORENE
Ein grausames, lakonisches und zugleich berührendes Buch über eine häßliche Kindheit im Nachkriegsdeutschland. Kind Nummer Zwei hat Eltern, die sich fast ausschließlich mit dem im Krieg verloren gegangenen Kind Nummer Eins beschäftigen. Das hat beträchtliche Auswirkungen auf den Zweitgeborenen.
Mich hat die Art, wie Treichel Familienleben schildert, an das wunderbare und ebenfalls grausame Buch "Das Muschelessen" von Birgit Vanderbeke erinnert. Sehr lesenswert.
URWEIDER, RAPHAEL: ALLE DEINE NAMEN
Urweider ist nach Matthias Göritz meine zweite Lyrik-Entdeckung des Jahres. Vor allem seine Naturlyrik fasziniert mich. Auf eine fröhliche Art belustigt haben mich auch seine Liebesgedichte, in denen er zahlreiche Frauen besingt. Mit seinen Gedichten über Alkoholika kann ich weniger anfangen, Vieltrinkern mag das anders gehen (Erstmals erschienen 2008).
VANDERBEKE, BIRGIT: GELD ODER LEBEN
Ich mochte auch diesen kontrovers diskutierten Band meiner Lieblingsautorin Birgit Vanderbeke. Zwei Kinder wachsen zur Zeit des Wirtschaftswunders in einer bravbürgerlichen Familie auf, diese hält sich selbst irgendwann nicht mehr aus, fällt auseinander, findet zum Teil wieder zusammen ... Vanderbeke fragt immer wieder nach der Bedeutung von Geld und von Leben, stellt Geld und Leben gegenüber, manchmal tatsächlich etwas klischeehaft, aber mich hat das nicht gestört, ich kann ja abstahieren. Wer noch nichts gelesen hat von Vanderbeke sollte beginnen mit "Das Muschelessen" und "Ich sehe was, was du nicht siehst" (erschienen 2003).
WALSER, MARTIN: OHNE EINANDER
Walsers Welt wirkt konstruiert, seine Figuren überzeichnet, ihre Handlungen klischeehaft. Trotzdem habe ich dieses Buch nicht weggelegt, sondern ... gesoffen. Vielleicht, weil starke, tabuisierte Empfindungen, Süchte von Walser mit einer Gewalt an die Oberfläche gerissen werden, dass es dieser Akt des Reissens ist, der dem Buch trotz offensichtlich konstruierter Handlung etwas Wahres, Wirkliches verleiht, das etwas Grundsätzliches zu tun hat mit menschlichem Dasein, auch meinem. Auch wenn Walsers ewiger Wortfluss gelegentlich über die Ufer des Erträglichen tritt: dieses Buch kann man lesen (erstmals erschienen 1993).
WILDE, OSCAR: DER FISCHER UND SEINE SEELE
Ein Märchen. Wer „Der alte Mann und das Meer" von Hemingway liebt, sollte auch dieses Buch lesen, denn es beschreibt das Meer genauso herausragend, und dabei doch ganz anders. Zwei Beschreibungen des Meeres und des Lebens, die mir auf ihre Art beide vollkommen scheinen (Erschienen erstmals 1831).
WOLF, CHRISTA: LEIBHAFTIG
Vier Jahre habe ich mich davor gedrückt, dieses Buch zu lesen. Die politische Krankengeschichte einer älteren Frau ... damit wollte ich mich nicht auseinandersetzen. Tatsächlich kommt die Lektüre dieses Buches einer bedrohlichen Reise in die Innereien menschlicher Existenz gleich. Und genau das macht dieses Buch zum mit Abstand besten Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe! Wen das wirkliche Leben in die Innereien seiner Existenz zwingt, der sollte dieses Buch lesen, und er wird begreifen, dass auch der Ort, an dem er sich befindet, von dieser Welt ist (erschienen 2002).
WONDRATSCHEK, WOLF: DIE EINSAMKEIT DER MÄNNER
Schon früher gelesen und wiederentdeckt: Wondratscheks Lyrik über die Liebe. Außer bei dem kürzlich verstorbenen Autoren Nagib Machfus (s.o.) hatte ich in meinem Leben vielleicht nur bei Wolf Wondratschek das Gefühl, dass da ein männlicher Autor die Frau in ihrer Sinnlichkeit und Sehnsucht tiefer versteht (erschienen 1983).
YATES, RICHARD: ELF ARTEN DER EINSAMKEIT.
Klassische, amerikanische Kurzgeschichten. Habe erst fünf der elf Geschichten gelesen, aber kann schon sagen: Bedrückend. Yates erzählt von Einsamkeiten, die vielleicht alle Menschen in bestimmten Situationen einmal erleben: Einsamkeit unter neuen Mitschülern, unter Freunden, in Liebesbeziehungen, am Arbeitsplatz ... Manchmal erzählt Yates für meinen Geschmack etwas langsam. Dennoch Geschichten, die hängen bleiben (Erschienen erstmals 1957).
ZUSAK, MARKUS: DIE BÜCHERDIEBIN
Ein Buch über das Dritte Reich und den 2. Weltkrieg, das sich von allen anderen, die ich hierzu las, unterscheidet. Der Tod selbst erzählt höchst lebendig, farbig, bildhaft von seiner Arbeit. Und vom Leben eines Mädchens, das sich durch das Naziregime grundsätzlich verändert. Ein Roman, der nebenbei bildet, der berührt, und der trotz des sehr ernsten Themas immer wieder Spaß macht und das Leben feiert (erschienen erstmals 2005).
Zurück
|
|
|